Author : Kenji Tsuruta
Verlag : Dino
Bände : 3
Format : Din A 4 (Tradepaperback), Ungespiegelt
Preis : 19,90 DM

Science Fiction existiert als eigenes Genre nun schon seit über 150 Jahren. Hat es sich verändert? Ja, aber nur im Auftreten, es ist lauter und bunter geworden, der Inhalt blieb immer gleich. Der Wunsch danach, das Unbekannte bereits zu kennen.

Grob gesagt gibt es drei Handlungsstränge in diesen Bänden, die durch entsprechende Stories gestützt werden. Die wohl bekannteste Figur ist Miss China. Sie führt ein kleines chinesisches Restaurant in Mittelengland, das "Ten-Kai". Zu ihren Gästen gehören zwei mehr oder weniger congeniale Wissenschaftler, Dr. Breckonridge und sein Assistent Jim Floyd. Diese Geschichten, durch die sich am ehesten ein roter Faden zeiht, entstanden zuletzt, und wurden in den Jahren 1991 bis 1995 unregelmäßig im japanischen Magazin "Afternoon" veröffentlicht. Sie haben auch am meisten Substanz, wobei die Dreieckshandlung mit der von beiden Seiten unbemerkten Zuneigung zwischen Ms. China und Mr. Floyd häufig durch das gewollte oder zufällige Eingreifen von Dr. Breckonbridge gelöst wird. Die Handlung an sich entbehrt nicht einer gewissen Komik, so ist doch der Erfindungsreichtum der beiden Männer, so faszinierend er auch sein mag, so unglaubhaft, das nicht einmal die Vermieterin, die ja viele der Experimente und Entwicklungen miterlebt, sie für real hält. Sie ist der träumerische Gegenpart zu den beiden oft nüchternen Wissenschaftlern. Die zweite Hauptperson einer kleinen Serie trifft man gleich am Anfang des ersten Buches, Maiko. Bei ihrem Großvater aufgewachsen, einem berühmten Wissenschaftler, hat sie ihr Zuhause früh verloren, zusammen mit ihrem Opa. Heutzutage ist der Ort, an dem sie aufgewachsen ist, überflutet. Auf der Suche nach dem, was sie dadurch verlor, ihre Heimat, ihre Kindheit, die ihr vertraute Umgebung, begibt sie sich immer wieder in diese Unterwasserwelt. Es ist ihr Weg zu sich selbst zu finden, ihre Vergangenheit zu bewältigen. In der gegenwart hat sie ja schon Fuß gefasst, arbeitet für die NASA, und kommt mit dem Leben klar. Wenn nur nicht ihre Vergangenheit wäre. Eine letzte Handlungsstrecke erschließt sich durch Windy, die Tochter eines alten Erfinders. Sie ist in ihrer Familie diejenige welche die Ideen hat, die ihr Vater dann für sich in Anspruch nimmt. Das Zusammenspiel mit einer Gemeinschaft von Wissenschaftlern steht im Zentrum der Geschichten um Windy, der Konflikt der sich aus dem Wollen und Können ihres Vaters und ihren eigenen Fähigkeiten ergibt. Aber auch hierbei erfüllt sich der Traum letztendlich. Von allen. Ergänzend findet sich noch ein knappes halbes Dutzend Geschichten ohne einen Bezug untereinander in dieser Sammlung. Eins haben alle gemeinsam, das Schaffen von Möglichkeiten um sich selbst zu verwirklichen.

Die ersten dieser Geschichten erschienen bereits 1986/87 im Magazin "Morning". Wenn man sich den Zeitraum anschaut, in dem die einzelnen Geschichten erschienen sind, ist dies fast ein Jahrzehnt, in dem unregelmäßig Veröffentlichungen erfolgen. Woran liegen diese Abstände? Hauptsächlich in Kenji Tsurutas Zeichenstil. Er ist der akribischste Zeichner dem ich bisher über den Weg gelaufen bin. Seine Panels sind dicht gefüllt mit Inhalt, wobei er auch das kleinste Detail per Hand tuscht, und nur für Farbverläufe wie Wolken oder ähnliches auf Hilfsmittel zurückgreift. Zudem sind seine Bilder für einen Manga extrem realistisch, als ob es sich nicht um Panels aus einem Comic handeln würde, sondern um, für sich betrachtet, Zeichenstudien, Stilleben oder Portraitmalerei, je nachdem was er gerade darstellt. Der zeitliche Hintergrund seiner Werke reicht vom Ende des 19ten Jahrhunderts bis in die Mitte des 20ten, und örtlich sind die Handlungsorte meist in England oder Japan angesiedelt. Wobei er da wenig Unterschiede macht, er zeichnet viktorianisch, seien es Häuser oder Kleidung. Das macht er aber mehr als überzeugend, es wirkt einfach komplett. Technik und Maschinerie scheint aus Büchern von Jules Verne oder Steampunk Schriftstellern zu entstammen. Dies passt wunderbar in das viktorianische Umfeld, und erinnert mich ein wenig an "Cthulhu by Gaslight". Seine Personen sind sehr realistisch gezeichnet, mit viel Gefühl für die Körperhaltung und die Stimmung. Das einzige Problem ist die zu große Ähnlichkeit vieler vorkommender Figuren. Aber ansonsten ist Kenjis Arbeit eine sehr visuelle. Er erzählt viel über den Bildinhalt, die Unterhaltungen der Personen bilden nur den Handlungsrahmen. Was mich ein wenig verblüfft hat, war das er Panels wiederverwendet. So etwas habe ich noch nie bewußt gesehen, auf diese Art verbindet er manchmal verschieden Zeitepochen und Geschichten miteinander. Die Charakterisierung seiner Handelnden erlangt teilweise viel Tiefe, sie beschränkz sich nicht nur auf Oberflächliches und entwickelt sich im Verlaufe der zusammenhängenden Geschichten auch weiter.

Eine Sammlung SF Kurzgeschichten betritt den deutschen Markt. Dino Manga hat sich mit den ersten 4-5 Veröffentlichungen schon ziemlich alles an Zielpublikum bedient, was es zur Zeit in Deutschland gibt. Das ist beeindruckend, und zeugt von einer bemerkenswerten Verlagspolitik. Spirit of Wonder richtet sich an das ältere Publikum, die Geschichten, die hier vorgestellt werden, sind zwar lose zusammenhängend aber stehen jede für sich auch einzeln. Die Aufmachung kann allem Parolie bieten was bisher von anderen Verlagen gezeigt wurde. Es schaut ganz so aus, als ob man von jedem das Beste genommen, und in ein Gesamtkonzept gesteckt hat. Der Schutzumschlag ist diesmal mit einer Relieffolie versehen, zu den Farbseiten am Anfang findet man noch ein Miniposter, und zur Ergänzung sind am Ende des Bandes noch Informationen über das Werk und den Autor zu finden. Der Preis liegt mit 19,90 wieder dort, wo man vor langer Zeit einmal gestartet ist, nun allerdings nicht mehr am amerikanischen, sondern japanischen Vorbild orientiert. Das sollte den Leser zufriedenstellen denke ich. Auch das der Trend langsam dazu geht, auch das ältere Publikum anzusprechen kommt dem Kunden zugute, schließlich gibt es nun schon seit ca 10 Jahren deutsche Veröffentlichungen (1991 Akira) im Bereich Manga, und die damaligen Käufer haben ja auch schon das zweite Lebensjahrzehnt sicherlich hinter sich gelassen. Auf jedem Fall kann ich diese kleine Reihe bedenkenlos empfehlen, sie ist herausragend aus der Masse der SF Angebote, sowohl in bildlicher als auch in schriftlicher Form.